Predigt am Gedenktag des Unbefleckten Herzens Mariä von P. Pius Görres CP
Das Herz Mariens führt immer zum Herzen Christi. Es lenkt den Blick nicht auf sich selbst, sondern auf ihren Sohn. Deshalb steht das Gedächtnis des Unbefleckten Herzens Mariä auch nicht zufällig unmittelbar nach dem Hochfest des Heiligsten Herzens Jesu. Beide Feste gehören innerlich zusammen. Wenn die Hl. Schrift vom Herzen spricht, dann meint sie nicht in erster Linie die Gefühle eines Menschen. Das Herz ist nach biblischem Verständnis die Mitte der Person, der Ort der Entscheidungen des Glaubens, der Liebe und auch der Hingabe. Das Herz ist das Innerste des Menschen, aus dem sein ganzes Leben hervorgeht. Wenn wir also das Herz Jesu verehren, verehren wir die Liebe Gottes, die in Christus Mensch geworden ist. Sein durchbohrtes Herz offenbart die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes. Im Herzen Jesu sehen wir, wie sehr Gott die Menschen liebt und wie weit er bereit ist zu gehen, um sie zu retten. Und wenn wir jetzt hingegen auf das Unbefleckte Herz Mariens schauen und es verehren, dann betrachten wir die Antwort des Menschen auf diese göttliche Liebe. Maria ist der Mensch, dessen Herz ganz offen für Gott geblieben ist. In ihr gibt es keinen Widerstand gegen den göttlichen Willen, ihre ganze Existenz ist ein einziges Ja zu Gott. Gerade darin liegt wie ich finde die tiefe Verbindung zwischen Herz-Jesu- und Herz-Mariä-Verehrung. Das Herz Jesu ist die Quelle der Erlösung, das Herz Mariens ist der vollkommene Empfang dieser Erlösung. Im Herzen Jesu strömt die Liebe Gottes den Menschen entgegen, im Herzen Mariens findet diese Liebe eine ungeteilte Antwort. Man könnte sagen: das Herz Jesu ist die Sonne, das Herz Mariens der vollkommen reine Spiegel, der das Licht dieser Sonne aufnimmt und weitergibt. Deshalb führt jede echte Marienverehrung letztlich immer zu Christus. Wer Maria liebt, der bleibt nicht bei ihr stehen, der lernt durch sie, Christus besser zu erkennen und ihn tiefer zu lieben.
Es ist eine Freude für jeden Christen der Maria als seine Himmelsmutter und Königen verehren darf ... ! Sie, die uns das Leben durch Jesus Christus geschenkt und erworben hat, freut sich, wenn sie von uns verehrt wird ! So ist eine gläubige Bitte niemals vergebens und die Hilfe Mariens durch ihren Sohn ist gewiß . Unbeflecktes Herz Mariä, bitte für uns ... !
In allem blieb das Herz Mariens offen. Gerade darin zeigt sich ihre Größe, liebe Schwestern und Brüder. Sie glaubte auch dort, wo sie eben nicht alles verstand. Sie vertraute auch dort, wo der Weg Gottes ihr verborgen blieb. Das Unbefleckte Herz Mariens ist deshalb nicht einfach ein Herz ohne Leid, es ist vielmehr ein Herz, das selbst noch im Leid unerschütterlich an Gott festhält. Besonders deutlich wird dies natürlich unter dem Kreuz. Dort steht Maria, während die meisten anderen Jünger längst das Weite gesucht haben. Dort sieht sie ihren Sohn leiden und sterben. Dort erfüllt sich die Weissagung Simeons: das Schwert durchbohrt ihr Herz. Gerade unter dem Kreuz offenbart sich die Vollendung ihres Glaubens. Sie hält fest an Gott, obwohl alles gegen die Erfüllung der Verheißung zu sprechen scheint. Sie bleibt bei ihrem Sohn, obwohl sie sein Leid nicht verhindern kann. Sie steht dort nicht als eine Frau, die alles versteht, sondern als eine Frau, die alles Gott anvertraut hat. Darum verehrt die Kirche ihr Herz nicht nur als unbeflecktes, sondern auch als mitleidendes Herz. Die Liebe Mariens ist keine bequeme Liebe, liebe Schwestern und Brüder, sie kostet sie alles. Ihre Vereinigung mit Christus führt Maria hinein bis in sein Erlösungsleiden. Und hier zeigt sich erneut die enge Verbindung zwischen diesen beiden Herzen. Das Herz Jesu wird von der Lanze durchbohrt, das Herz Mariens wird vom Schwert des Schmerzes durchdrungen. Beide Herzen sind in derselben Liebe vereint, beide leiden für das Heil der Menschen. Natürlich besteht dabei ein wesentlicher Unterschied: Christus erlöst die Welt durch sein Opfer, Maria erlöst nicht, aber sie nimmt in einzigartiger Weise Anteil am Erlösungswerk ihres Sohnes. Ihr Leiden erhält seinen Sinn aus der vollkommenen Vereinigung mit Christus. Die Tradition der Kirche hat deshalb oft von den zwei Herzen gesprochen. Besonders seit dem 17. Jahrhundert entwickelte sich die gemeinsame Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu und des Unbefleckten Herzens Mariens. Zahlreiche Heilige erkannten, dass Gott den Menschen durch diese beiden Herzen gewissermaßen die ganze Dynamik des Heils vor Augen stellt. Im Herzen Jesu begegnen wir der göttlichen Liebe, die sich verschenkt, im Herzen Mariens begegnen wir der menschlichen Antwort, die sich dieser Liebe öffnet. Im Herzen Jesu sehen wir, wie Gott liebt, im Herzen Mariens sehen wir, wie der Mensch lieben soll. Das macht die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariä, so glaube ich, auch heute so aktuell.
Mariens Herz ist gesammelt auf Gott hin. Es ist rein, weil es nicht zwischen verschiedenen Herren aufgeteilt ist. Es ist unbefleckt, weil es ganz dem Willen Gottes gehört. Gerade darin liebt eine Herausforderung für jeden Einzelnen von uns. Die Kirche lädt uns nicht ein, das Herz Mariens lediglich zu bewundern als etwas, was ganz weit weg von uns ist, wo wir eh nicht hinkommen werden. Sie lädt uns ein, von diesem Herzen zu lernen. Lernen wir, liebe Schwestern und Brüder, von Maria das hörende Herz. Lernen wir von ihr das betende Herz. Lernen wir von ihr das treue Herz. Lernen wir von ihr das demütige Herz. Lernen wir von ihr das standhafte Herz, das auch in schweren Stunden nicht von Gott abweicht. Die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariä, liebe Schwestern und Brüder, erschöpft sich nicht in Gebeten oder Andachtsübungen. Die haben ihren Wert, ohne Zweifel, wenn sie zu einer inneren Umgestaltung führen. Das Ziel besteht darin, dass unser Herz dem Herzen Mariens ähnlicher wird, damit es immer mehr dem Herzen Christi ähnelt. Den letztlich sind beide Herzen aufeinander bezogen. Das Herz Mariens existiert gewissermaßen für das Herz Jesu. Alles in ihrem Leben weist auf ihn hin. Als sie bei der Hochzeit zu Kana spricht 'Was er euch sagt das tut', fast sie damit sozusagen ihre ganze Sendung zusammen. Sie führt die Menschen zu Christus. So können wir heute beten, dass die Gottesmutter auch uns zu ihrem Sohn führt, liebe Schwestern und Brüder, dass sie unsere Herzen läutert von Gleichgültigkeit, von Stolz und allem Egoismus und aller Selbstbezogenheit, dass sie uns lehrt, Gottes Wort zu bewahren und auch darüber nachzudenken, dass sie uns hilft, auch in den Prüfungen unseres Lebens standzuhalten und treu zu bleiben. Wenn wir auf das Unbefleckte Herz Mariä schauen, erkennen wir das schönste Werk der göttlichen Gnade in einem Menschen. Und wenn wir dieses Herz betrachten, gelangen wir unweigerlich zum Herzen Jesu, aus dem alle Gnade hervorströmt.
So stehen heute quasi zwei Herzen vor unseren Augen: das Herz des Erlösers und auch das Herz der Mutter. Das eine schenkt die Liebe Gottes, das andere empfängt sie in vollkommener Weise. Das eine ist die Quelle, das andere der reinste Spiegel. Das eine erlöst, das andere antwortet mit ungeteilter Hingabe. Bitten wir die selige Jungfrau Maria, liebe Schwestern und Brüder, dass auch unsere Herzen immer tiefer in diese Gemeinschaft der Liebe hineingenommen werden. Dann wird sich erfüllen, was das Ziel jeder christlichen Existenz ist, dass unser Herz immer mehr nach dem Herzen Christi geformt wird und wir einst mit Maria in der ewigen Gemeinschaft Gottes leben dürfen. Amen.